Orulf wurde als Sohn einer alten Schmiedefamilie geboren. Schon von klein auf war die Schmiede sein Zuhause. Zwischen Feuer, Stahl und dem ständigen Klang des Hammers lernte er früh, was harte Arbeit bedeutet. Die körperliche Arbeit machte ihn mit den Jahren außergewöhnlich kräftig, doch seine Familie lehrte ihn, dass wahre Stärke nicht allein in Muskeln liegt. Stärke bedeutet, Verantwortung für diejenigen zu übernehmen, die auf dich angewiesen sind.
Als der Krieg über das Land hereinbrach, wurde Orulf eingezogen. Aufgrund seiner Kraft fand er sich zunächst nicht als großer Krieger an der Spitze wieder, sondern dort, wo die meisten Soldaten nicht hinwollten. Er schleppte Wasser und Ausrüstung, half beim Errichten von Befestigungen, schob Rammböcke und erledigte schwere Arbeiten direkt an der Front. Dabei musste er immer wieder mit ansehen, wie gerade diese Soldaten behandelt wurden: Sie wurden in die gefährlichsten Situationen geschickt und ihre Verluste als notwendiger Preis des Krieges betrachtet.
Für Orulf waren sie jedoch keine Zahlen auf einer Liste. Es waren Menschen, mit denen er Seite an Seite kämpfte. Er begann, Verantwortung für seine Kameraden zu übernehmen. Er zog Verwundete aus dem Gefecht, stellte sich zwischen seine Kameraden und die größte Gefahr und übernahm Aufgaben, vor denen andere zurückschreckten. Mit der Zeit begannen die Soldaten, ihm zu vertrauen. Nicht, weil Orulf der Stärkste unter ihnen war, sondern weil er bereit war, seine Stärke für andere einzusetzen. Schließlich arbeitete er sich durch die Reihen des Militärs nach oben und erhielt das Kommando über seine eigene Truppe.
Dann kam die Schlacht, die sein Leben verändern sollte.
Die Armee wurde vernichtend geschlagen. Die Schlacht entwickelte sich innerhalb kürzester Zeit zu einem chaotischen Rückzug. Befehle gingen unter, Einheiten wurden auseinandergerissen und jeder versuchte nur noch, lebend aus dem Schlachtfeld zu kommen. Orulf versuchte verzweifelt, seine Truppe zusammenzuhalten und einen geordneten Rückzug zu ermöglichen. Doch irgendwann gab es keinen Rückzug mehr, den er hätte organisieren können. Er musste selbst fliehen.
Seit diesem Tag weiß Orulf nicht, was aus seinen Leuten geworden ist.
Einige sah er zuletzt kämpfen. Andere verschwanden im Chaos der Schlacht. Manche flohen in andere Richtungen. Vielleicht sind viele von ihnen gefallen. Vielleicht haben einige überlebt und sind irgendwo in der Welt verstreut. Orulf weiß es nicht. Und genau diese Ungewissheit verfolgt ihn.