Schließlich kam der Tag, vor dem sie sich immer gefürchtet hatte.
Während eines wichtigen Stammesrituals verlor Leona erneut die Kontrolle. Von blindem Zorn überwältigt, griff sie alles an, was sich in ihrer Nähe befand. Mehrere Stammesmitglieder wurden verletzt, und ihre beste Freundin Asha, die sie seit ihrer Kindheit begleitet hatte, entkam nur knapp dem Tod.
Als die Raserei vorüber war und Leona das angerichtete Chaos sah, wurde ihr klar, dass sie eines Tages eine Gefahr für ihr eigenes Volk werden könnte.
In derselben Nacht verließ sie ihre Heimat.
Ohne Abschied. Ohne Ziel.
Sie wollte nicht riskieren, dass ihre Mutter, ihre Freunde oder ihr Stamm eines Tages unter ihrem Fluch leiden mussten.
Auf ihren Reisen hörte sie Geschichten über ein uraltes Labyrinth, verborgen unter den Ruinen einer längst vergessenen Zivilisation. Man sagte, dass in seinem Zentrum Antworten auf jede Frage und Heilung für jeden Fluch zu finden seien. Viele Abenteurer hatten versucht, das Labyrinth zu durchqueren. Nur wenige kehrten zurück.
Für Leona war es ihre einzige Hoffnung.
In ihren Träumen erscheint ihr immer wieder Malkor, die Verkörperung des Fluches selbst. Er flüstert ihr von Macht, Stärke und Freiheit und versucht, sie dazu zu bringen, ihren Zorn vollständig zu akzeptieren. Ob Malkor tatsächlich existiert oder lediglich ein Trugbild ihres verfluchten Geistes ist, weiß niemand.
Heute wandert Leona allein durch die Welt.
Die meisten sehen nur eine einschüchternde Löwin mit gewaltigen Muskeln, einer wilden Mähne voller Perlen und Knochen sowie zahllosen Bandagen und Narben. Ihr finsterer Blick und ihre ständige Anspannung lassen sie aggressiv und feindselig wirken.
Doch hinter dieser Fassade verbirgt sich eine Kriegerin, die jeden Tag gegen die Dunkelheit in ihrem Inneren kämpft.
Sie sucht nicht nach Ruhm.
Nicht nach Macht.
Nicht einmal nach ihrem rechtmäßigen Platz als zukünftige Herrscherin von Ahn'Shara.
Sie sucht lediglich nach einer Möglichkeit, den Fluch zu brechen, bevor er eines Tages alles zerstört, was sie jemals geliebt hat. Denn tief in ihrem Herzen fürchtet Leona, dass am Ende ihrer Reise eine schreckliche Wahrheit auf sie wartet:
Vielleicht ist der Fluch längst kein Fremdkörper mehr.
Vielleicht ist der Zorn ein Teil von ihr geworden. Und vielleicht besteht ihre wahre Prüfung nicht darin, ihn zu besiegen, sondern zu lernen, mit ihm zu leben.