Dann hörte sie die Stimme ihrer Gottheit:
„Was verloren ist, darf nicht vergessen werden.“
Am nächsten Morgen war das Mädchen verschwunden.
Auf ihrem Bett lag nur ein kleiner Anhänger – und das gleiche Symbol, das sie in der Vision gesehen hatte.
Sie hätte die Wachen rufen können.
Sie hätte die Sache den Priestern überlassen können.
Aber sie war Mutter.
Und eine Mutter lässt ihr Kind nicht allein.
Ihre Nachforschungen führten sie schließlich zu einem Ort, über den die meisten Menschen nur in geflüsterten Geschichten sprachen: das Labyrinth.
Ein Ort, an dem Menschen verschwanden.
Ein Ort, aus dem manche mit Reichtümern zurückkehrten und andere nie wieder auftauchten.
Sie wusste, dass sie dort unten vielleicht sterben würde.
Also tat sie das, was eine Mutter eben tut, wenn ihr Kind in Gefahr ist.
Sie packte ihre Sachen.
Sie verabschiedete sich von den anderen Kindern.
Und sie versprach ihnen:
„Ich komme wieder nach Hause.“
Ob sie daran glaubte, wusste sie selbst nicht.
Aber sie wusste, dass die Kinder es glauben mussten.
Das Labyrinth war schlimmer, als sie es sich vorgestellt hatte.
Es war nicht nur ein Ort voller Monster. Es war ein Ort, der Menschen gegeneinander ausspielte.
Abenteurer ließen Verletzte zurück.
Menschen verhungerten in vergessenen Gängen.
Manche hatten längst vergessen, warum sie überhaupt hinabgestiegen waren.
Und trotzdem konnte sie nicht einfach weitergehen.
Immer wieder blieb sie stehen, um anderen zu helfen.
Sie verband die Wunden eines fremden Abenteurers.
Sie teilte ihr Essen mit einer Gruppe völlig erschöpfter Reisender.
Sie nahm sogar ein verängstigtes Goblinkind bei der Hand, nachdem dessen Stamm von Monstern ausgelöscht worden war.
Für sie spielte es keine Rolle, ob jemand Mensch, Elf, Zwerg oder Goblin war.
Wer Angst hatte, brauchte jemanden.
Wer verletzt war, brauchte Hilfe.
Und wer allein war, brauchte eine Mutter.
Bald sprach sich unter den Abenteurern herum, dass es im Labyrinth eine Frau gab, die jeden behandelte, als wäre er ihr eigenes Kind.
Manche machten sich darüber lustig.
Andere suchten gezielt nach ihr.
Und einige begannen, sie „Mutter“ zu nennen.
Eines Tages geriet sie selbst in eine Situation, aus der sie nicht mehr herauskam.
Eine Expedition war von einer Gruppe mächtiger Kreaturen überfallen worden. Sie hatte mehrere Verletzte hinter sich und weigerte sich, sie zurückzulassen.
Als die letzten ihrer Kräfte schwanden, erschien eine Gruppe von Abenteurern.
Die Feuerschwingen.
Sie waren eine Gilde innerhalb des Labyrinths, bekannt dafür, dort nicht nur nach Schätzen zu suchen, sondern auch anderen Expeditionen zu helfen und bestimmte Gebiete zu sichern.
Sie vertrieben die Angreifer.
Doch als sie ihr anboten, die Verletzten zurückzulassen und sich selbst in Sicherheit zu bringen, lehnte sie ab.
„Ich gehe nicht ohne meine Kinder.“
Der Anführer der Feuerschwingen sah sie eine Weile an.
Dann fragte er:
„Sind das deine Kinder?“
Sie blickte auf die Verletzten.
„Jetzt schon.“
Es soll der Moment gewesen sein, in dem die Feuerschwingen beschlossen, sie aufzunehmen.
Nicht weil sie besonders stark war.
Nicht weil sie besonders wertvoll für die Gilde war.
Sondern weil sie genau das verkörperte, was die Feuerschwingen sein wollten.
Ein Feuer, das andere wärmt.
Ein Schild, hinter dem andere überleben können.
Vaelora wird als eine ruhige, mütterliche Gottheit verehrt. Sie ist keine Göttin des Krieges und auch keine Göttin, die ihre Gläubigen vor jedem Schmerz bewahren will.
Sie ist die Göttin, die dafür sorgt, dass jemand da ist, wenn der Schmerz kommt.
Ihr Symbol ist eine kleine Flamme, die von zwei Händen geschützt wird.
Ihre Priester lehren:
„Eine Flamme muss nicht die Dunkelheit vertreiben. Sie muss nur lange genug brennen, damit jemand den Weg nach Hause findet.“