Mit zunehmendem Alter wurde Yuki zu einer festen Größe auf den kleinen Bühnen ihrer Heimatstadt.
Sie spielte Flöte, tanzte, sang und nutzte ihre Illusionen, um ganze Geschichten zu erschaffen.
Ein verlassenes Theater konnte sich während ihrer Auftritte in einen verwunschenen Wald verwandeln. Ein schwarzer Vorhang wurde zu einem Sternenhimmel. Illusionäre Vögel flogen über das Publikum.
Und manchmal erschien hinter ihr ein riesiger roter Fuchs, dessen neun Schweife sich langsam im Takt ihrer Musik bewegten.
Die Leute liebten ihre Auftritte. Doch Yuki interessierte sich weniger für Applaus als für die Reaktionen der Zuschauer. Sie wollte wissen:
Was bringt einen Menschen dazu, seinen Blick nicht mehr von ihr abzuwenden?
Diese Frage sollte später ihr ganzes Leben verändern.
Mit ungefähr sechzehn Jahren lernte Yuki eine zweite Kunst kennen. Eine wesentlich gefährlichere.
Während einer ihrer Auftritte wurde sie hinter der Bühne von einer Gruppe Taschendiebe überrascht. Sie hatte zwar gelernt, Illusionen zu erzeugen, doch ihre Magie half ihr nicht viel, als einer der Diebe sie tatsächlich am Arm packte.
Eine ältere Schaustellerin griff ein. Sie trug zwei schmale Messer an ihrem Gürtel.
Ein Paar identischer Klingen.
Yuki war fasziniert.
Die Frau zeigte ihr, wie man die Messer nicht nur zum Kämpfen, sondern auch als Teil einer Vorstellung benutzen konnte.
Würfe – Drehungen - Täuschungen
Ein Messer verschwand scheinbar in einer Hand und tauchte plötzlich in der anderen auf.
Mit Illusionen wurde daraus beinahe echte Magie.
Yuki lernte schnell. Sehr schnell.
Die beiden Messer wurden zu einem festen Bestandteil ihrer Auftritte.
Doch sie lernte auch, dass eine Klinge nicht unbedingt dafür da sein musste, jemanden zu töten.
Manchmal genügte es, wenn der andere glaubte, dass sie es tun würde.
Diese Lektion blieb ihr besonders gut im Gedächtnis.
Seitdem trägt Yuki stets ein Paar schlanke Messer bei sich. Sie nennt sie:
Tsuki und Hana - „Mond“ und „Blume“.
Das eine steht für die Nacht, das andere für Schönheit.
Und beide können gefährlich werden.
Yuki war inzwischen eine gefeierte junge Künstlerin. Sie war zwanzig Jahre alt.
Ihre Auftritte waren größer geworden, ebenso ihr Selbstvertrauen.
Eines Abends spielte sie in einem noblen Theater vor einer ungewöhnlich großen Menge. Der Saal war voller Adliger, Händler und einflussreicher Persönlichkeiten.
Yuki begann mit ihrer Flöte eine langsame Melodie. Schwarz und Rot gekleidet stand sie im Zentrum der Bühne. Dann begann sie ihre Illusionen zu weben.
Der Saal verschwand. Das Publikum fand sich plötzlich in einem endlosen nächtlichen Garten wieder. Rote Blüten öffneten sich unter ihren Füßen, der Mond hing riesig über ihnen und Yuki stand mitten darin.
Alle Augen lagen auf ihr. Doch diesmal geschah etwas anderes. Die Menschen reagierten nicht nur auf die Illusion sie reagierten auf Yuki selbst. Ihre Stimme wurde plötzlich unwiderstehlich, ihre Bewegungen schienen jeden Blick zu lenken. Menschen vergaßen für einen Moment ihre Sorgen. Ein Mann, der sie kurz zuvor noch verachtet hatte, lächelte plötzlich, eine Frau begann zu weinen, ohne zu wissen warum. Andere konnten ihren Blick nicht von Yuki lösen. Und Yuki selbst spürte die Emotionen der Menge. Sie konnte sie beinahe fühlen.
Bewunderung, Sehnsucht, Vertrauen, Neugier, Begehren, Angst
Alles vermischte sich mit ihrer Musik. In diesem Moment verstand Yuki, dass ihre größte Stärke niemals ihre Illusionen gewesen war. Die Illusionen waren nur der Vorhang. Sie selbst war die Vorstellung.
Ihre Begabung für Allure erwachte.
Zunächst genoss Yuki ihre neue Macht. Warum sollte sie auch nicht?
Menschen hörten ihr zu. Türen öffneten sich. Wachen ließen sie passieren. Adlige luden sie zu Festen ein. Händler boten ihr bessere Preise an. Und manche Menschen taten Dinge für sie, die sie niemals für einen Fremden getan hätten.
Doch irgendwann bemerkte Yuki etwas Beunruhigendes. Sie wusste nicht immer, ob jemand sie wirklich mochte oder ob es ihre Magie war.
Je stärker ihre Fähigkeiten wurden, desto schwieriger wurde die Grenze zwischen Charme und Manipulation.
Yuki begann deshalb, sich selbst Regeln aufzuerlegen:
- Sie würde ihre Allure nicht benutzen, um jemandem dauerhaft seinen freien Willen zu nehmen.
- Sie würde niemanden dazu bringen, etwas zu tun, das ihn oder andere ins Verderben stürzen würde.
- Und vor allem: „Wenn jemand mich nur wegen meiner Magie liebt, dann ist es keine Liebe.“
Diese Erkenntnis machte sie vorsichtiger. Aber nicht weniger gefährlich.
Ihre ursprüngliche Flöte ersetzte Yuki nach einem besonders wichtigen Auftritt durch eine speziell angefertigte.
Sie ist schwarz mit roten Details.
Das Instrument besitzt für sie beinahe symbolischen Wert. Schwarz steht für die Geheimnisse und Illusionen - Rot für Leidenschaft, Gefahr und ihre Fähigkeit, Menschen emotional zu berühren.
Yuki spielt darauf keine gewöhnlichen Lieder. Jede Melodie hat für sie einen Zweck.
Eine kann beruhigen. Eine andere kann Hoffnung wecken. Eine kann jemanden an eine längst vergessene Erinnerung denken lassen. Und manche Melodien sind ausschließlich dafür gedacht, ihre Illusionen zu verstärken.
Nach ihrem zwanzigsten Geburtstag verließ Yuki ihre Heimat um heraus zu finden, was außerhalb der Bühnen ihrer Stadt auf sie wartete.
Sie trat in Tavernen, in Theatern, auf Marktplätzen, bei Adelshäusern, auf geheimen Maskenbällen auf.
Dabei lernte sie, dass die Welt weit weniger romantisch war als ihre Bühnen. Sie begegneten Dieben, Söldnern, Betrügern und Monstern. Aber auch Menschen, die einfach nur jemanden brauchten, der ihnen zuhört.
Yuki wurde zu einer Reisenden, Künstlerin und gelegentlich auch zu einer Trickbetrügerin. Sie bevorzugte jedoch Täuschungen gegenüber Gewalt.
Warum jemanden niederschlagen, wenn man ihn glauben lassen konnte, dass man bereits hinter ihm stand?
Warum eine Wache bekämpfen, wenn man ihr mit einer Illusion drei zusätzliche Kollegen vorgaukeln konnte?
Und warum eine verschlossene Tür aufbrechen, wenn der Wächter davon überzeugt werden konnte, dass sie bereits offen war?
Ihre beiden Messer blieben trotzdem immer griffbereit.
Irgendwann führten Gerüchte Yuki zum Labyrinth. Ein Ort, an dem sich Gerüchte, Gefahren, Abenteurer und merkwürdige Gestalten auf eine Weise vermischten, wie sie es noch nie zuvor erlebt hatte.
Für andere war das Labyrinth ein Ort voller Gefahren. Für Yuki war es zunächst eine Bühne, eine gigantische, unberechenbare, tödliche Bühne.
Hier konnte sie ihre Illusionen nicht nur zur Unterhaltung einsetzen. Hier konnten sie Leben retten, Feinde verwirren, Verbündete verstecken, Monster täuschen und manchmal sogar einen Kampf verhindern, bevor er überhaupt begann.
Doch im Labyrinth traf Yuki auch auf Menschen, die etwas besaßen, das sie selbst lange vermisst hatte: Ein Ziel, das größer war als sie selbst.
Die Begegnung mit dem Bund der Feuerschwingen verändert schließlich ihre Einstellung.
Yuki ist zunächst skeptisch.
Ein Bund? Eine Gemeinschaft? Verantwortung?
Das klingt für eine junge Frau, die ihr halbes Leben damit verbracht hat, weiterzuziehen, wenig verlockend. Doch dann erkennt sie etwas. Ihre Kunst war bisher immer darauf ausgerichtet gewesen, Menschen etwas fühlen zu lassen.
Ihre Illusionen konnten ihnen Hoffnung geben. Ihre Musik konnte Mut machen. Ihre Allure konnte Herzen erreichen. Und vielleicht konnte sie all das für etwas verwenden, das tatsächlich Bedeutung hatte.
Nicht nur für Applaus. Nicht nur für Geld. Nicht nur für sich selbst.
Also steckte Yuki ihre beiden Messer zurück an ihren Gürtel, nahm ihre schwarz-rote Flöte in die Hand und trat dem Bund bei. Nicht als Soldatin. Nicht als Anführerin. Sondern als Künstlerin, Verführerin und Illusionistin, die gelernt hat, dass die stärkste Illusion von allen eine gemeinsame Hoffnung sein kann.
Am Abend ihres Beitritts spielt sie zum ersten Mal vor den Feuerschwingen. Eine ruhige Melodie. Über ihr erscheint durch ihre Magie ein riesiger roter Fuchs. Neun Schweife aus flackerndem Licht breiten sich hinter ihr aus. Dann verwandelt sich der Fuchs langsam in einen Schwarm aus roten Funken. Yuki lächelt.
„Nun gut… dann lasst uns sehen, welche Geschichte wir gemeinsam schreiben.“