Halvar tat beides.
Er war kein Naturtalent. Andere Lehrlinge hatten ein Gefühl für das Metall, das er sich mühsam erarbeiten musste. Aber er lernte. Langsam, stur, ohne Klagen. Torven sagte ihm einmal – und nur einmal – dass er die solidesten Nieten in der Werkstatt setzte. Das war das größte Lob das Halvar je von ihm bekam.
Die Jahre in der Schmiede formten ihn mehr als jede Erziehung. Er lernte zu schweigen wenn andere redeten. Er lernte, dass ein schlecht gehärtetes Schwert Menschen das Leben kosten konnte. Er lernte, dass Arbeit Würde war – nicht Ruhm, nicht Reichtum. Würde.
Er trank nach der Arbeit sein Zwergenbier. Immer mit einer Weintraube. Immer in Ruhe. Eine kleine Eigenheit die er sich selbst nie erklären konnte, aber nie ablegte. Die Traube zuerst – vollgesogen mit Bier – dann der Rest im Becher.
Er hatte Freunde, so wie Zwerge Freunde haben: wenige, verlässlich, unausgesprochen. Dagna, eine Schmiedin mit einem frechen Mundwerk, war die einzige die ihn zum Lachen bringen konnte. Orro, ein alter Wachmann der Siedlung, trank manchmal mit ihm. Keine großen Gefühle. Keine großen Worte. Es reichte.
Es war spät. Die anderen hatten die Werkstatt längst verlassen.
Halvar nicht. Er hatte einen Fehler am Morgen gemacht – eine Klinge die er beim Schleifen zu heiß werden ließ. Nicht genug um sie unbrauchbar zu machen. Aber genug um ihn zu stören. Also blieb er. Schärfte nach. Arbeitete in der Stille der Nacht bis es richtig war.
Er hörte sie bevor er sie sah. Schritte die zu leise waren für ehrliche Absichten. Dann das Brechen von Holz.
Es waren ihrer viele. Dunkle Gestalten mit Fackeln – aber auch etwas anderes. Ein Mann in einer Robe, das Gesicht halb verborgen, ein Symbol an seinem Hals das Halvar nicht kannte. Kein Goblin. Ein Zwerg. Einer der die Werkstatt mit dem Blick eines Mannes ansah der etwas sucht – und bereit ist alles andere zu verbrennen.
Halvar griff nach dem nächsten Hammer.
Was folgte, war kein heroischer Kampf. Es war ein verbissenes, aussichtsloses Ringen eines einzelnen Schmieds gegen eine Übermacht. Er schlug zu. Er wurde getroffen. Die Narbe über seinem rechten Auge – ein herumfliegender Eisenbeschlag, glühend, im Chaos – brennt ihm noch heute wenn er daran denkt.
Die Schmiede brannte.
Er konnte sie nicht retten.
Er lag im Dreck vor der Werkstatt, das Gesicht blutig, die Lunge voller Rauch, und sah zu wie die Flammen das fraßen was Jahre seiner Arbeit gewesen waren. Der Zwerg in der Robe war verschwunden. Torven Graukeil überlebte – er war an dem Abend nicht anwesend gewesen. Die Werkstatt nicht.
Halvar blieb dort sitzen bis das Feuer erlosch.
Dann stand er auf. Nahm seinen Hammer. Und ging.
Er sprach nicht darüber. Nicht mit Torven, der ihn finden und fragen wollte. Nicht mit Dagna, die ihm Nachrichten schickte. Nicht mit seiner Familie in Citadel Adbar, die nichts von dem Angriff wusste.
Er wanderte.
Er nahm Arbeit an wo er konnte – kleine Schmieden, Karawanen die einen Waffenkundigen brauchten, Siedlungen die jemanden mit starken Armen suchten. Er trank sein Zwergenbier. Er schwieg. Er grummelte wenn man ihn fragte wie es ihm ging.
Aber seltsame Dinge passierten.
Er überlebte Situationen die er nicht hätte überleben sollen. Eine Klinge die ihn hätte treffen müssen – traf nicht. Ein Feuer das er eindämmen musste – gehorchte ihm auf eine Weise die er nicht erklären konnte. Fähigkeiten die er nicht gelernt hatte, wuchsen in ihm wie ein Feuer das jemand anderes schürt.
Er dachte nicht groß darüber nach. Er war ein Zwerg. Er glaubte an das was er mit den Händen anfassen konnte.
Aber manchmal, wenn er allein am Amboss stand und der Rhythmus des Hämmerns ihn ganz erfüllte, hatte er das Gefühl beobachtet zu werden. Nicht bedrohlich. Eher wie ein alter Meister der aus dem Schatten zuschaut – und wartet.
Halvar Durgion ist kein Held. Zumindest redet er sich das ein.
Er ist direkt bis zur Unhöflichkeit, stur bis zur Sturheit, und misstrauisch gegenüber allem was er nicht mit den Händen greifen kann. Er hilft – aber nicht weil er ein guter Mensch sein will. Sondern weil es manchmal einfach das Richtige ist. Einen Unterschied zwischen beidem macht er nicht gern.
Er trinkt ausschließlich Zwergenbier. Alles andere ist, in seinen Worten, "Pisse die ihren Zweck erfüllt." Und in sein Bier kommt immer eine Weintraube. Erst vollsaugen lassen. Dann essen. Dann trinken. Wer fragt warum, bekommt einen Blick der keine weiteren Fragen zulässt.